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Interview mit Dr. Johannes Peter Gerling

Bisher ist man in Deutschland von einem möglichen Speicherpotenzial für CO2 von 20 plus/minus acht Milliarden Tonnen ausgegangen. Neueste Abschätzungen der BGR siedeln die tatsächliche Speicherkapazität am unteren Rand dieses bisher angegebenen Spektrums an. Dazu sprach IZ Klima mit Dr. Johannes Peter Gerling - Fachbereichsleiter Nutzung des Untergrundes und geologische CO2-Speicherung an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

IZ Klima:
Bisher ist man von einer Gesamtspeicherkapazität in Deutschland für CO2 von 20 plus/minus 8 Milliarden Tonnen ausgegangen. Die neuen Zahlen liegen mit 9,3 Milliarden Tonnen in salinaren Aquiferen und 2,75 Milliarden Tonnen in Erdgasfeldern bei einer Gesamtspeicherkapazität von circa 12 Milliarden Tonnen unterhalb der Berechnungen von 2005. Wie sind diese Veränderungen in den Abschätzungen zu erklären?

Dr. Johannes Peter Gerling: Die aktuell publizierten Zahlen für salinare Aquifere sind das Ergebnis von Einzelstudien, die die BGR in den letzten Jahren zur Regionalbewertung von CO2-Speicherpotenzialen durchgeführt hat. Durch diese Studien wurden etwa 75 Prozent der Flächen der drei großen Sedimentbecken „Molasse“, „Oberrheingraben“ und „Norddeutsches Becken“ erfasst. In den Gebieten wurden auf Basis von existierenden Werken wie beispielsweise der Geotektonische Atlas von Nordwestdeutschland jedoch nur potenzielle Fangstrukturen volumetrisch bewertet - und das mit einer gegenüber früher konservativeren Speichereffizienz von 5-20 Prozent.

IZ Klima: Wenn Deutschland die ehrgeizigen Klimaschutzziele einhalten will, werden wir mit der CCS-Technologie zukünftig nicht nur das in fossilen Kraftwerken sondern auch in Industrieprozessen anfallendes CO2 abscheiden und speichern müssen. Ist die prognostizierte Speicherkapazität in Deutschland - mit Blick auf die neuen Erkenntnisse - noch ausreichend für die anfallenden Emissionsmengen?

Dr. Gerling: Nach meiner Überzeugung können in Deutschland aufgrund geologischer, technischer und infrastruktureller Gegebenheiten pro Jahr nicht mehr als 50 - 75 Millionen Tonnen CO2 in den Untergrund injiziert werden. Dabei ist die geologische CO2-Speicherung selbstverständlich für alle interessierten Branchen und Unternehmen offen. Wenn wir nun die Rechnung mit 75 Miollionen Jahrestonnen und 40 Jahren Lebensdauer für industrielle Punktquellen aufmachen, kommen wir auf eine benötigte Speicherkapazität von 3 Milliarden Tonnen CO2. Das ist nur etwa ein Viertel des von uns abgeschätzten nationalen Speichervolumens. Falls nun der Speicherbedarf höher als 75 Millionen Jahrestonnen liegt, könnten die entsprechenden Unternehmen sich - entsprechend der CCS-Direktive - EU-weit um alternative Speicher bemühen.

IZ Klima: Was bedeuten die neuen Erkenntnisse für das von den Staatlichen Geologischen Diensten der Bundesländer und der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe vorangetriebene „Speicher-Kataster“?

Dr. Gerling: Das Speicher-Kataster für Deutschland wird von allen Staatlichen Geologischen Diensten Deutschlands gemeinsam erarbeitet, um Grundlagen für eine bundesweite Bewertung der im Untergrund vorkommenden Speicher- und Barrieregesteine zu schaffen, und zwar - ganz wichtig - in einem bundesweit einheitlichen Ansatz. Zudem wird im Speicher-Kataster ein Nachweissystem über Umfang und Güte der verfügbaren Untergrunddaten, wie Seismik und Bohrungen erstellt - eine wichtige Grundlage für zukünftige Planungen im unterirdischen Wirtschaftsraum.

IZ Klima: In einem von Ihnen mit verfassten Artikel im Fachmagazin Energiewirtschaftliche Tagesfragen mit dem Titel „Neuberechnung möglicher Kapazitäten zur CO2-Speicherung in tiefen Aquifer-Strukturen“ betonen Sie, dass in den Berechnungen noch nicht das komplette Bundesgebiet erfasst ist. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass jenseits der bereits untersuchten Gebiete noch weitere potenzielle Speicherkapazitäten zu finden sein werden?

Dr. Gerling: Selbstverständlich erwarte ich noch weiteres Potenzial in den nicht bewerteten Regionen. Die in dem Artikel bewerteten Regionen waren durch die Standorte potenzieller CO2-Quellen, beispielsweise Kraftwerke, Stahlwerke und Biomasse-Veredlungsanlagen vorgegeben.

IZ Klima: Mit Blick auf die Aufsuchungen vor Ort: Was sind die nächsten Schritte, um zu konkreten Ergebnissen der Gesamtspeicherkapazität zu kommen.

Dr. Gerling: Wir haben inzwischen per numerischer Simulation auch eine Vorstellung über die Druckveränderungen im Umfeld eines potenziellen CO2-Speichers. Dazu gibt es für den Standort Deutschland die wichtigen praktischen Erfahrungen am FuE-Standort Ketzin. Der nächste konsequente Schritt geht in den industriellen Demonstrationsmaßstab. Wünschenswert wäre ein - wie von der Bundesregierung vorgesehen - synchrones Vorgehen an den beiden Standortoptionen „Erdgasfeld“ und „salinarer Aquifer“. Wir benötigen dringend die Erfahrungen von diesen Standorten um die aus Seismik und Bohrungen ermittelten Kapazitätsabschätzungen zu verifizieren.

 
Letzte Aktualisierung 05.05.2010 von moldenburg
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